Mittwoch, 23. November 2016

Donald Trump wird salonfähig

 Gestern traute ich meinen Augen und Ohren nicht: in den Tagesthemen wurde entwarnt. Alles gar nicht so schlimm. Die Geschäfte laufen - wegen des President-elect. Einige Firmen-Chefs wurden für die Kamera und vor der Kamera befragt: jetzt können ihre Geschäfte wieder laufen. Sollte in die (z.B.) Gesundheitsgesetzgebung in den U.S.A. eingegriffen werden, können die Preise für Medikamente wieder Markt-gerecht flottieren. Darüber freute sich ein Arzeneimittelhersteller. Ist das nicht schön? Endlich wieder richtig Geld verdienen? Was sollen die Beschränkungen in Sachen Klima? Halten nur vom Geschäft ab. Was sollen die Bedenken zum President-elect? Ist doch Klasse: es geht doch aufwärts. Wahrscheinlich geht es abwärts, wenn es so weiter geht.


Das waren ein paar Minuten Lehrzeit im bundesdeutschen Fach Korruption: wenn das Geschäft läuft, läuft die Demokratie... Damit das so bleibt, bleibt unsere Kanzlerin. Leider wird Christoph Butterwegge als Bundespräsident - wahrscheinlich - nicht gewählt werden: er hätte ihr etwas - etwas! - widersprechen können.

Was lese ich heute Morgen (23.11.2016, S. 25) im Wortschaftsteil der Zeitung für die klugen Köpfe? Den Titel eines kleinen Textes: "DZ-Bank: 'Trump agiert rationaler als erwartet" - sagte Stefan Bielmeier, Chefsvolkswirt der DZ-Bank. Rationaler ist ein Komparativ: kann man rational steigern? Weiß Stefan Bielmeier, was er wie sagt? Wahrscheinlich nicht.

Ein paar Seiten zurückgeblättert: Winand von Petersdorff interpretiert das Video des President-elect, der in gut zwei Minuten seine Regierungspläne verbreitet und sich bislang keiner Pressekonferenz gestellt hat: "... dass Trump vielleicht doch nicht so realitätsblind ist, wie es bisher erschien" (S. 15). Ob er weiß, was Realitätsblindheit ist - offenbar nicht. Was ich befürchtet hatte (s. meinen Blog vom 11.11.2016: We remember you said that), ist hier zu sehen: Winand von Petersdorff lässt sich einlullen - er verbreitet die gute Nachricht einer vagen Hoffnung (vielleicht!), wo eine gute Nachricht nicht zu verbreiten ist. Anders gesagt: die Aussicht aufs Geschäft korrumpiert auch hier. Was ist mit unserer Öffentlichkeit?

(Überarbeitung: 24.11.2016)

Montag, 21. November 2016

Neues von den Hütern der Heiligen Kuh XXXIV: sie sind in Not und schimpfen und mogeln sich durch die Öffentlichkeit

Matthias Müller,  Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, ist interviewt worden; das Gespräch wurde gestern (am 20.11.2016) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (S. 25, Nr. 46) veröffentlicht. Er wurde gefragt, ob er verstehen könnte, dass sich die bundesdeutschen Kunden benachteiligt fühlen könnten.

Seine Antwort: "Emotional kann ich das nachvollziehen. Aber man kann das nicht über einen Kamm scheren, denn die Ausgangssituation ist völlig unterschiedlich. Den Kunden in Europa entsteht ja kein Nachteil, weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften. Und wenn ich das anfügen darf: Auf der einen Seite kritisieren viele die amerikanische Gesetzgebung in anderen Zusammenhängen, siehe TTIP. Wenn es aber darum geht, Vorteile daraus zu ziehen, scheint das amerikanische Recht auf einmal der richtige Weg zu sein".

Sätze eines Verkäufers, der seinem Kunden einzureden versucht, dass er mit dem Produkt zufrieden sein soll, weil es doch funktioniert. Ein Betrug, der bei uns von einer gelähmten Behörde toleriert und strafrechtlich (noch) nicht verfolgt wird, ist kein Betrug, sondern normale Praxis der Korruption. Wieso die Aufregung? sagt uns Matthias Müller unter der Hand. Alles in Ordnung.  Dann folgen die schlichten Sätze zum U.S.-Recht: es diene nur der Bereicherung (Vorteile daraus ziehen) - und sei deshalb ungerecht. Matthias Müller klagt über das U.S.-Rechtssystem. 

Dann klagt er den Kunden an. Zur Elektromobilität gefragt, ob die bundesdeutsche Auto-Industrie sie verschlafen hätte, antwortet Matthias Müller: Nein. "Am Angebot mangelt es nicht, sondern an der Nachfrage: Auf der einen Seite denken und handeln viele Deutsche im Alltag grün, wenn es aber um E-Mobilität geht, haben wir als Verbraucher spitze Finger".

Haben wir spitze Finger? Man müsste die Antworten der Leute, die keine E-Autos kaufen, dazu untersuchen. Sicher ist: die Technik ist neu und ungewiss. Die meisten werden das Geld für mobile Experimente nicht aufbringen können oder aufbringen wollen. Elektromobilität ist ein Wort, das gut klingt, aber in unseren Alltag noch nicht hinein passt. Sie erfordert einen anderen Umgang mit dem Auto. Tankstellen sind überall - aber wo sind die Steckdosen? Tanken geht in ein paar Minuten, aber wie lange dauert das Aufladen? Weiß doch keiner im einzelnen. Die Umstellung ist  schwierig. Wenn wir künftig  jemanden besuchen, suchen wir zuerst die Steckdose. Das lange Kabel haben wir dabei.  Ein zweites Auto zur Kompensation der (vergleichsweise) beschränkten Mittel des von einem Elektromotor getriebenen Fahreugs wäre nicht schlecht. Spitze Finger: der Mann hat einen Chauffeur!

Was Matthias Müller nicht sagt:
1. das von einem Verbrennungsmotor angetriebene Auto ist ein Auslaufmodell. Die Fantasie von der aristokratischen Kutsche vor der Haustür verlebt sich in den Großstädten.
2. Elektromobilität ist ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft; niemand weiß, wie sie alltagstauglich sein wird. Wie sollen 40 Millionen von Explosionen angetriebenen Autos ersetzt werden? Die VW-Leute reden, wenn der Tag lang ist und die ungläubigen Journalisten sprachlos zuhören und mitschreiben.
3. Sie ist ein wilder Plan der Produkt-Diversifikation und der Produkt-Auswechslung. Auf sie zu setzen, ist eine heftige Lenk-Bewegung und Ausdruck der Wolfsburger Not: es gibt offenbar keine Konzeption einer kontrollierten Evolution unserer Mobilität. Die  Grundidee besteht im Austausch des Antriebs. Am einzelnen Fahreug - an der Fantasie der Kutsche - wird festgehalten. Die Überlegungen zur Veränderung der Mobilität wirken allgemein und hingetupft.  Die VW-Leute tagträumen und tagträumen. Sie hoffen natürlich auf eine Regierung, die ihnen die Steckdosen und andere Infrastruktur bezahlt. Die Idee der eigenen Batterien-Herstellung kursiert zur  Beruhigung der VW-Leute, die nicht wissen, wohin mit ihrem riesigen Konzern, der für den Ausstoß von Millionen Fahrzeugen ausgelegt ist: wie ein 400 Meter langer Tanker, der auf dem Rhein verkehren möchte.
4. Der Konzern plant, 30.000 Mitarbeiter und Mitarbeiter zu entlassen. Das wirkt wie der Beginn einer Münchhausen-Strategie. Das ist der Beginn der Politik einer enormen Schrumpfung. Wir erfahren nur Halbwahrheiten.
5. Der Konzern verfolgt jetzt eine widersprüchliche Politik: einerseits die Elekromobilität  - andererseits, für den nordamerikanischen Markt, die Riesen-Autos auf Riesen-Rädern. Wie geht das zusammen? Gar nicht. Die Konzern-Leitung verspricht, was sie für Markt- und Politik-tauglich hält. Schließlich hat unsere Kanzlerin, um ihre eigene Haut zu retten, die Elektromobilität versprochen.
6. Matthias Müllers Kunden-Beschimpfung ist der bekannte Ausruf des Diebs, den Dieb zu halten.
7. Matthias Müllers und Herbert Diess' (des VW-Markenchefs)  bescheidene Argumentationen  zur Not und Zukunft der verfolgten Unschuld - die jetzt wie ein ertappter Dissozialer verspricht, sich komplett zu ändern - ist kein gutes Zeichen.
8. Es ist auch kein gutes Zeichen, dass in unserer Republik kein Losprusten über die gut geföhnten VW-Herren zu hören ist. Natürlich ist unsere Abhängigkeit von einem Konzern wie VW beunruhigend. Wieder werden Familien bedroht, Lebenspläne zerstört, Menschen an den Abgrund gedrückt. Die Lebensrealitäten verschwinden im Nebel der Kutschen-Fantasien.

(Überarbeitung: 23.11.2016)       

Freitag, 11. November 2016

Ein Alltagsbeispiel bundesdeutscher Korruption

In meinem Wohnort hatte ein enormer Regen im Souterrain eines Haushaltswaren-Geschäftes die elektrischen Geräte (Schlagbohrer, Polierer etc.) zerstört. "Das ist ein Versicherungsschaden", sagte ein Kunde, "wenn Ihr das Geld bekommen habt, könnt Ihr die Geräte dann weiterverkaufen".

"Das ist doch Versicherungsbetrug", meinte ich. "Aber legal", sagte der Kunde.

Wie repräsentativ ist für uns dieses Beispiel des Verlusts des (demokratischen) moralischen Kompasses?

Der Weckruf

Am Mittwoch nach der Wahl des neuen U.S. Präsidenten (9.11.2016) hörte ich Radio. Jemand sagte: das Votum für Donald Trump wäre ein Weckruf für die Europäische Union. Ja, wenn unsere Politikerinnen und Politiker aufwachen und eine gemeinsame, unabhängige Politik diskutieren könnten, wäre das Klasse. Leider sind die Regierungen der Union zerstritten. Unsere Bundeskanzlerin hatte nichts Besseres zu tun, als den künftigen Amtsinhaber Donald Trump an die Kleiderordnung und die Tischmanieren zu erinnern - anderenfalls würde sie sich nicht mit ihm zusammen setzen. An die dringende Aufgabe, sich auf eine gemeinsame Politik zu verständigen, hat sie nicht erinnert.

"We remember you said that!"

Zur Übergabe des Präsidentenamtes an Donald Trump sagte Barack Obama (sinngemäß): das Amt ist größer als die Person. Das ist richtig insofern, als das Amt des U.S.-Präsidenten seine eigene, institutionalisierte Geschichte und Dynamik entfaltet, die von vielen Faktoren bestimmt wird - ein Chef, das kennt man, muss sich einfügen in die Organisation, die ihn abhängig macht in vielen Kontexten und die er zu leiten unternimmt. Kann man die Hoffnung haben, dass das Amt des Präsidenten Donald Trump zu einem Amtsträger zivilisiert? Wahrscheinlich nicht - denke ich mittlerweile (s. meinen Blog vom 31.10.2016). Donald Trump hat versprochen: keine Rücksicht zu nehmen. Politische (institutionalisierte) Bauten werden eingerissen. Man kann erwarten: er wird versuchen, das Amt zu plündern oder zu perviertieren. Also muss er (und seine Stäbe) präzis kontrolliert werden. Er wird, damit muss man rechnen und sich nicht einwickeln lassen, seine Tischmanieren anpassen. Wie früher, als man für den Gang ins Opernhaus die dunkle Kleidung anlegte (schon lange her). Deshalb kommt es darauf an, sich gut zu erinnern an Donald Trumps Handeln auf den Bühnen seiner Wahl-Kampagnen. Er wird sich heraus zu reden versuchen. Er wird zu verwirren versuchen. Aber er kann den institutionalisierten Rahmen nicht verändern: die Repräsentanten des Rahmens werden ihn halten, bremsen oder vom Platz stellen.

"We remember you said that", lautet der präzise Satz des Nachhaltens, den John T. Chance (John Wayne) dem Mann in der Kneipe in Rio Bravo (Regie: Howard W. Hawks; Buch: Leigh Brackett und Jules Furthman; U.S.A. 1959) sagte, der versichert hatte, der flüchtige Mörder hätte sich nicht dort versteckt. Der Mörder wird in der Kneipe gestellt, der Mann mit der Lüge bekommt sein Fett weg.  "We remember you said that" heißt in der journalistischen Begleitung des neuen Präsidenten: ihn zu konfrontieren mit dem Bild seiner Handlungen während des Wahlkampfs - und sich nicht einlullen lassen von den gesitteten Tischmanieren. Pressure on Power nannte David Remnick vom The New Yorker die journalistische Haltung, die die Fakten prüft und die Aufdeckung der Lügen verfolgt. Sie ist die angemessene Perspektive der Skepsis auf die Zivilisierbarkeit des Trägers des Präsidentenamtes.    

Richard Nixon war, wie es Jonathan Schell in seinem Buch The Time of Illusion beschrieben hat, der erste U.S.-Präsident, der das Amt pervertierte, indem er das Polieren der Amts-Fassade intensiv betrieb, während er die Ideale seines Amtes korrumpierte. Er wurde, kurz nachdem er zum zweiten Mal in das Amt des U.S.-Präsidenten gewählt worden war, zum Rücktritt gezwungen. Man kann davon ausgehen, dass jeder Schritt des U.S.-Präsidenten Donald Trump in den U.S.A. genau verfolgt wird.  Pressure on Power heißt auch: das Amt des Präsidenten öffentlich zu verteidigen und zu schützen. Wir werden sehen, wie weit und wie lange der rhetorische Bluff des Wahlkampf-Rabauken trägt. Zur Zeit, so registriert die Washington Post (11.11.2016), schart der President-elect die üblichen Verdächtigen der konservativen Machtelite um sich. We remember you said that.

(Überarbeitung: 14.11.2016)  

An American Tragedy

"An American Tragedy" überschrieb David Remnick vom The New Yorker seinen Blog vom 9.11.2016. Er beginnt seinen Text mit diesen beiden Sätzen:

"The election of Donald Trump to the Presidency is nothing less than a tragedy for the American republic, a tragedy for the Constitution, and a triumph for the forces, at home and abroad, of nativism, authoritarianism, misogyny, and racism. Trump's shocking victory, his ascension to the Presendency, is a sickening event in the history of the United States and liberal democracy".

"Die Wählerschaft", schreibt David Remnick, "hat in ihrer Mehrheit entschieden, in Trumps Welt zu leben". Wie Trumps Welt innen aussieht, wissen wir nicht - wir kennen nur das glitzernde Dekor seiner pompösen New Yorker Umgebung. Mit seiner Kampagne der Selbst-Besoffenheit vom eigenen Status und des Triumphs der zivilen Entdifferenzierung ließ sich Trump als der Messias des Zurückschlagens feiern: wir lassen uns nichts mehr gefallen und wir nehmen, was uns gefällt. Acht Jahre der Präsidentenschaft Barack Obamas sind genug. 

Sigmund Freud prägte das Wort vom Unbehagen in der Kultur. Jetzt könnte man vom Aufschrei des Unbehagens in der Demokratie sprechen. Dass mit der Wahl Donald Trumps die öffentliche Diskussion gezwungen wird, den Aufschrei derer wahrzunehmen und aufzunehmen, die in der drastischen nordamerikanischen Wortwahl unter den Lebensbedingungen des white trash leiden, kann für eine demokratisch verfasste Gesellschaft nur gut sein. Demokratie setzt auf den systematischen, belegten Austausch: auf Fairness, Redlichkeit und Aufrichtigkeit. Diese Ideale sind schwer zu verwirklichen. Angesichts der westlichen Fantasien vom Glanz des Reichtums halten sie bei der Realisierung der Fantasien nur auf - kein Wunder, dass die Korruption des großen und des kleinen Geschäfts häufig mit Achselzucken quittiert wird. Das Achselzucken ist gefährlich - es signalisiert den Rückzug aus der Auseinandersetzung um das für eine Demokratie notwendige Gefühl fairer Lebensverhältnisse und der Hoffnung auf einen redlichen und aufrichtigen Umgang und es kumuliert im mittlerweile weit verbreiteten Aufschrei wütender Ohnmacht.

Jetzt wird die Ohnmacht gehört. Man kann sie als Ressentiment - sozialwissenschaft korrekt, aus sicherer Mittelklassenlage -  etikettieren, um die Wucht projektiv adressierter Affekte zu bezeichnen. Man kann sie -  was häufig mit der  Wortwahl-Praxis der Verachtung (Beispiele: der Wutbürger, der Verlierer, der Bildungsferne) geschieht - belächeln. Man kann sie auch als die zunehmend konturierte Erfahrung unfairer, kränkender Lebensverhältnisse verstehen. Es wird Zeit, sie gut zu erforschen.

Die Tragödie, von der David Remnick sprach, ist sicherlich nicht sein letztes Wort. Im aristotelischen Verständnis diente sie der Katharsis: der Klärung, der Ernüchterung und Besinnung des Publikums. Bis dahin nahm das Theaterstück einen langen Anlauf. Wir wissen nicht, wo wir uns in diesem Ablauf befinden. Wir sind mitten drin im Prozess der Klärung der Frage, wie wir leben wollen. Wahrscheinlich nicht so wie der Immobilien-Mann in seinem Apartment in Manhattan. Wir machen weiter mit dem Geschäft der Klärung der (demokratisch verfassten) Lebensverhältnisse.

Ein Problem (das genügt für heute) sind auch die demokratisch fragwürdigen (nach meinem Geschmack: korrumpierenden) Praxen regelmäßiger demoskopischer Befragungen zum politischen Geschehen. Sie dienen vor allem der Nachtsteuerung der Regierungspolitiken im Kontext der künftigen Wählbarkeit und der Generierung der Aufmerksamkeit der damit befassten Medien. Hätte es vor dem 8.11.2016 keine Prognosen gegeben, wären wir nicht so überrascht worden. Prognosen relativieren die Bedeutung der Wahl. Die schlechten Prognosen zum Wahlausgang am 8.11.2016, muss man vermuten, waren einerseits das Resultat ungenügender Forschung und andererseits das Resultat ungenügender Auskunftbereitschaft der befragten Wählerinnen und Wähler. Befragungen haben das Problem, dass sie punktuell Absichten abfragen, von denen unsicher ist, ob sie realisiert werden. Absichten sind bewusste Handlungsentwürfe - die nicht bewussten Handlungsentwürfe fallen häufig durch das Fragebogen-Raster.

(Überarbeitung: 14.11.2016)

Montag, 31. Oktober 2016

Ist die öffentliche Diskussion bei Donald Trump mit ihrem Latein am Ende?

Nein.
Obgleich die Washington Post heute (31.10.2016) den Kommentar von Paul Waldman ins Netz stellt - sein Titel: Trump's history of corruption is mind-boggling. So why is Clinton supposedly the corrupt one? Paul Waldman wundert sich sehr: Hillary Clintons Vergehen - strafrechtlich ungeklärt -  wird im Detail recherchiert und ausgebreitet; Donald Trumps Liste strafrechtlicher Vergehen ist unglaublich lang - und wann immer eins ans Tageslicht kommt, verschwindet das öffentliche Interesse an Klärung schnell und leise. Wieso?

Ja, wieso? Dessen Liste ist enorm lang. Renommierte Zeitungen und Zeitschriften der Vereinigten Staaten beziehen Stellung gegen den Präsidentschaftskandidaten. Psychiater erörtern Diagnosen der Persönlichkeitsstörung von Donald Trump. Der Autor eines Donald Trump idolisierenden Buches bedauert seine Autorenschaft; in der Zeitschrift The New Yorker bereute er seine Anstrengung eines salonfähigen Make-ups für diesen Mann. Republikanische Politikerinnen und Politiker beziehen ebenfalls Stellung und raten ab, ihn zu wählen; manche ziehen allerdings ihr Votum zurück und machen eine Kehrtwende. Erstaunlich.


Ist das erstaunlich? Wie soll das enden? raufte sich heute Morgen der Kommentator der Zeitung für die klugen Köpfe (21.10.2016, S. 8) den Kopf. Hier ein paar Gedanken gegen die Ratlosigkeit.

1. Die öffentliche Diskussion erreicht nicht die kursierenden Affekte, die das Vergnügen an der Entdifferenzierung ausmachen: das gestattete Besoffensein ohne besoffen zu sein; statt Sprechen: Grölen; statt Argumente: das zweifelsfreie Behaupten der eigenen Wahrheit; statt Dialog: Monolog; statt Erörterung: die endlose, repetive Klage über die Ungerechtigkeit der Lebensverhältnisse und das an einem verübte Unrecht. Das Vergnügen an der aggressiv präsentierten Entdifferenierung muss ernst genommen werden als die normale Krise der Demokratie; die Fortschrittsbewegungen überfordern und schließen aus; das Gefühl oder die Lebenstatsache von Exklusion - das noch nicht ausreichend eingelöste demokratische Versprechen der Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger  - ist das Problem. Aber wahrscheinlich ist das Wort von der Krise der Demokratie die Vokabel eines Ängstlichen - ohne heftigen Streit, der leider nicht das Niveau eines Oberseminars hat, ist das Überleben unserer demokratischen Staatsform nicht zu haben; Veränderungsprozesse sind normalerweise äußerst strapaziös. Das Klagen ist unproduktiv. 2. Donald Trump ist die öffentliche Figur, in der die medial aufgeblasene und auf Hochglanz polierte Kultur des Anhimmelns - wer hält sich dabei zurück? - mit ihrer ständig begafften Konkurrenz um die Repräsentationen von Macht, Reichtum und Schönheit kulminiert und ihren Protagonisten gefunden hat. 3. Die journalistischen Narrative der Empörung bedienen die Abscheu und das Vergnügen. Das ist das Problem der Massenmedien. 4. Rabauken als Delegierte der Entdifferenzierung sind vor der strafrechtlichen Verantwortung nicht geschützt; ihre Vergehen müssen präzis ermittelt werden und, wenn nötig, bestraft werden. 5. Der institutionalisierte Rahmen der demokratischen Verfassung hält das Vergnügen an der Entdifferenzierung aus. 6. Sollte der Präsidentschaftskandidat Präsident der Vereinigten Staaten werden, wird er sich dem Amt fügen müssen.

(Überarbeitung: 2.11.2016)