Mittwoch, 18. Januar 2017

Joseph Stiglietz: Drei einfache Empfehlungen an die Industrie zur Beseitigung der Ungleichheit

Joseph Stiglitz, Wirtschaftsprofessor an der New Yorker Columbia University  und Nobelpreisträger (von 2001), gab, anläßlich der Davos-Konferenz, drei einfache Empfehlungen (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.1.2017, S. 18) an die Industrien:
1. Bezahlt eure Steuern - ohne sie mit Tricks herunter zu rechnen! Enorme Summen gehen den Staaten verloren.
2. Behandelt eure Leute anständig, so dass sie nicht in Armut leben müssen. "Der Nettoverdienst von Managern in großen amerikanischen Konzernen beträgt etwa das 300fache, was ein Arbeiter im selben Unternehmen durchschnittlich verdient". Das sei, so Stiglitz, nicht "mit Produktivitätsunterschieden zu erklären. In vielen Fällen ist der Nettoverdienst von CEOs deshalb so hoch, weil sie es können".
3. "Investiert in die Zukunft des Unternehmens, in die Angestellten, in die Technik, ins Betriebskapital".

Drei einfache, plausible, vernünftige Empfehlungen. Wenn bloß das Teilen nicht so schwer wäre!

Unsere ängstlich-hilflose Bundeskanzlerin II: "Wir Europäer haben unser Schicksal selbst in der Hand"

Diesen Satz verbreitete vorgestern (am 16.1.2017) unsere Bundeskanzlerin in ihrer Pressekonferenz, mit der sie auf die Pressekonferenz des president-elect Donald Trump antwortete. Aus einzelnen Sätzen lässt sich - ohne den Kontext angemessen zu berücksichtigen - natürlich dies oder das erschließen; man muss vorsichtig sein. In dem Satz fällt mir das Demonstrativpronomen selbst auf: es ist überflüssig. Es unterstreicht unfreiwillig die Hilflosigkeit der Kanzlerin: wieder ein Trost für die Zukunft - Muster: wir schaffen das - , wieder die Variation eines Alltagsklischees nach dem Zuschnitt Jeder ist seines Glückes Schmied. Dabei wissen wir, dass nicht jede Dame oder jeder Herr der eigenen Lebensgeschichte und Lebenssituation ist. Es ist zum Schießen & zum Kugeln: ein solcher Satz wurde offenbar nicht mit einem gewaltigen Lachen der Vertreter der Beobacher-Profession quittiert. Eine Platitüde als Auskunft über eine zukünftige Politik. Angela Merkel hatte auch gleich die Begründung: Warten auf die Amtseinführung des neuen U.S.-Präsidenten am 20. Januar 2017. Sie ließ in der Pressekonferenz nicht weiter mit sich reden. Sie ging. Sie kam damit durch. Am nächsten Tag wird sie brav zitiert (im Aufmacher der Zeitung für die klugen Köpfe (17.1.2017, S.1). Was wird mit/aus unserer Öffentlichkeit? 

Montag, 16. Januar 2017

Das Wort zum Einlullen: "Die Politik"

"Die Politik" wird betrieben von Leuten, die in verschiedenen Parlamenten (Bund, Länder, Gemeinden, Städten und öffentlich-rechtliche Institute) sitzen oder Ämter in Behörden und Institutionen ausüben. Die Leute haben alle einen Namen  - und Berater, Wissenschaftler usf. Wer von "der Politik" spricht, vermeidet die Mühe, herauszufinden, wer verantwortlich ist für eine bestimmte Intervention - welche auch immer. "Die Politik" ist Kurzschrift und lädt ein zur Projektion: alle Politiker und Politikerinnen sind ... "Die Politik" reduziert die Komplexität der Prozesse und stärkt die Vorurteilsbereitschaft der  Einfachheit.

Neues von der Heiligen Kuh XXXXIX: ein Hüter steht am Pranger

Das Drama der Wolfsburger Anstrengung, das Ausmaß der Verantwortung der Konzernspitze bei dem systematischen Betrug zu vernebeln, konturiert sich weiter. Gestern erschien in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (15.1.2017, S. 24) der ausführliche Text von Corinna Budras mit diesen Überschriften:

"Angeklagt. Im Diessel-Skandal greift die amerikanische Justiz jetzt durch. Sie erhebt Anklage gegen sechs VW-Mitarbeiter und lässt den Manager Oliver Schmidt in Miami verhaften. Wer ist dieser Mann? Und was hat er mit dem Betrug zu schaffen?"

Man kann ihn sehen auf dem - fast die Hälfte der Seite füllenden - Foto, das im Sheriff Office Broward County (wo er fest gesetzt wurde) bei seiner Aufnahme gemacht wurde: übliche U.S.-Praxis, die bei uns nicht üblich ist - Oliver Schmidt am medialen, weltweit verbreiteten Pranger, der strafrechtlich relevante Betrug hat ein Gesicht bekommen, seine öffentliche Beschämung und Isolierung sind eingeleitet, das Verfahren noch längst nicht eröffnet. Das ist beabsichtigt. Die U.S.A. sind ein tief religiöses Land. Mögliche, noch nicht rechtskräftige Schuld exponiert den Beschuldigten enorm; ein Preis wird bereits entrichtet - der Beschuldigte wird übrigens im Gerichtsverfahren defendant genannt. Wie wird Oliver Schmidts Familie das Foto aufnehmen, seine Freunde, Bekannten und seine Kollegen? Werden seine anderen Kollegen die weltweite Präsentation ihres Gesichtes zum Schutz anderer Kollegen offerieren wollen?

Corinna Budras zitiert eine elektronische Post (offenbar vom Frühjahr 2014), mit der Oliver Schmidt seine Kollegen nach der alternativen Orientierung fragte:

"Zunächst einmal sollte entschieden werden, ob wir ehrlich sein sollen.  Wenn wir nicht ehrlich sind,
bleibt alles beim Alten".

Wie konnte es dazu kommen, dass Oliver Schmidt glaubte, die Frage der Ehrlichkeit wäre zu entscheiden?  

Zur Aufregung um die so genannten Fake news

Facebook hat angekündigt, Beiträge in den Foren auf ihre Substanz zu prüfen - so dass die fake news nicht mehr durchgehen. Nikolas Busse von der F.A.Z. nennt das Prüfung auf den Wahrheitsgehalt (16.1.2017, S.1). Halten wir fest: Wahrheitsgehalt. Nikolas Busse fragt nach den Kriterien der Prüfung. Er fragt weiter: "Und soll eine gewinnorientierte, noch dazu amerikanische Firma darüber entscheiden, was in Deutschland politisch wahr und was falsch ist?"

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung  - ist sie nicht gewinnorientiert? Sicher doch. Was ist dann der Wahrheitsgehalt seines Satzes?

Was ist mit dem Satzteil: noch dazu amerikanische Firma? Das ist die Floskel eines Vorurteils: in Sachen bundesdeutscher Demokratie haben uns die Nordamerikaner nichts zu sagen. Stimmt und stimmt nicht. Außerdem sagt die Zeitung für die klugen Köpfe ständig etwas zur Politik der U.S.-Amerikaner. Mehr denn je. Das zählt zum Auftrag der Zeitung. Klar doch. Halten wir fest: mit dem Wahrheitsgehalt ist es nicht einfach.

Zweites Beispiel der Aufregung. Schlagen wir den Feuilleton-Teil der Zeitung (S. 9) auf. Dort ist der Beitrag von Rolf Schwartmann abgedruckt mit den Überschriften: "So bekämpft man die Lüge im Netz. Fake News zersetzen die Demokratie und pervertieren das Recht auf Meinungsfreiheit". Müssen wir uns Sorgen machen? Nein. So schnell schießen die Preußen nicht, sagte mein Vater, wenn es brenzlig wurde. Sorgen müssen sich die machen, die mit einem schlichten Konzept von Wahrheit und Lüge durch die Gegend laufen.

Wahr und falsch scheinen einfache Adjektive zu sein. Stimmt aber nicht. Paul fragt Georg: "Wie geht's?" Georg antwortet: "Gut. Keine Klagen. Bin zufrieden". War die Antwort wahr oder falsch? Who knows? Wahrscheinlich beides. Georg, kann man ihm unterstellen, schützte sich vor Pauls weiteren Fragen. Kann man das als Lüge bezeichnen? Nein. Die Dichotomie von wahr und falsch ist schwierig. Was ist mit den zivilisierten Umgangsformen der Höflichkeit und des Takts? Taktlos sind die Ehrlichen heißt ein dröhnendes deutsches Klischee.

Aber kehren wir zu den news zurück. Die Vorurteilsbereitschaft hat ihre große Foren im Internet bekommen. Die deutlich konturierten Affekte der Zuneigung und der Abneigung haben ihre Foren im Internet bekommen. Ist das sehr schlimm? In unserem Alltag erfahre ich hin und wieder die Abneigung einiger Verkehrsteilnehmer, die mit meiner - vielleicht bedächtigen (ich bin nicht mehr 20) - Fahrweise nicht einverstanden sind; gestern hupte einer hinter mir her, während ich abbog; vor einigen Monaten zeigte mir eine lady am Steuer ihres weißen SUVs - der Höhepunkt des an mich addressierten Ärgers in meiner Autofahrer-Karriere - den Stinkefinger. Schlimm? Ich hatte dran zu knabbern - wie dieser Blog belegt, wirkt diese Kränkung noch nach. O.K. Kränkungen sind Alltag und sie sind ehrlich gemeint. Wir lernen, sie zu sortieren und abzulegen (mehr oder weniger).

Kommen wir zu den fake news oder zu den not so fake news. Die kriegen wir laufend -  als real news serviert. Beispiel aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung von heute (16.1.2017, S. 14): "Donald Trump legte gerade eine steile Lernkurve hin. Gespräch mit BILD-Herausgeber Kai Diekmann". Karl Diekmann schwärmt vom gut informierten, offenen, unverstellten president-elect. Na, ist er nicht Klasse, der künftige U.S.-Präsident? Das Gespräch unter acht Augen, das Karl Diekmann führte, ist kein Maßstab. Wenn D.T. in anderen Gruppierungen spricht und handelt, sieht das möglicherweise (sehr wahrscheinlich) ganz anders aus. Man könnte natürlich auch sagen: wenn D.T. sich je nach Format und Kontext anders verhält, ist das nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Mit anderen Worten: Karl Diekmann hat keinen fake betrieben, aber die Differenz der verschiedenen Strukturen und Kontexte verschiendener Interaktionen nicht bedacht. Real und fake gehört derzeit zum Repertoire aufgeregter, aufgescheuchter Beobachter der öffentlichen Prozesse. Sie lassen sich nicht so schlicht sortieren. Zudem, letzter Satz für heute, sind wir ein Leben lang damit beschäftigt, die Substanz der eigenen und der fremden Kommunikationen zu verstehen und zu sortieren.         

Samstag, 14. Januar 2017

Neues von der Heiligen Kuh XXXXVIII: wann werden ihre Hüter zur Verantwortung gezogen?

Das Drama der Wolfsburger Anstrengung, das Ausmaß der Verantwortung der Konzernspitze bei dem systematischen Betrug zu vernebeln, konturiert sich. Gestern veröffentlichten die Süddeutsche Zeitung online und die Tagsthemen der A.R.D. die Aussagen zweier Kronzeugen der U.S.-Ermittlungsbehörden, die Ingenieure sind, den vertrauten und begründeten, sehr plausiblen Verdacht, dass die Chefs von Volkswagen vom Betrug wussten und ihn möglicherweise förderten.

Das ist nicht neu. Wer in einer Organisation gearbeitet hat, weiß, was man seinem Vorgesetzten sagen muss, sagen kann und was man verschweigen kann. Wenn es um das Überleben eines Konzerns geht, ist das überhaupt keine Frage. Deshalb kann man davon ausgehen, dass die Konzern-Spitze und sicherlich auch die verantwortlichen Repräsentanten der beiden die überwiegenden Anteile des Konzerns besitzenden Familien informiert waren. Jetzt erleben wir, dass die juristisch abgedichtete Strategie der Konzern-Spitze und der (Haupt-)Eigentümer,  die Vertuschung zu behaupten -  um Geld zu sparen - , fehlzündet.

Was sie offenbar nicht ausreichend bedacht haben: um die präzise öffentliche und juristische Klärung ihres schweren Betrugs kommen sie nicht herum - die Folgekosten werden, je mehr die Klärung hinausgeschoben wird,  buchstäblich immer teurer. Vor allem kommt die Präsentation der schäbigen Moral der leitenden Konzern-Leute und der Konzern-Besitzer teuer - so teuer, dass diese Folgekosten nicht zu veranschlagen sind. Man kann es ganz einfach sagen: die Lüge der Wolfsburger Verantwortlichen korrumpiert unsere Demokratie. Es wäre schön, das Trauerspiel des Mauerns und des Lügens könnte beendet werden. 

Freitag, 13. Januar 2017

Neues von der Heiligen Kuh XXXVII: sie hat sich verheddert

Jetzt wird es schlimm - oder nicht so schlimm. Eins nach dem anderen.
"Volkswagen in den Fängen des FBI" (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.1.2017, S. 26), lautet die Überschrift des Textes von Carsten Germis. Unter-Überschrift: "Gut ein Jahr ermittelte die amerikanische Polizei im VW-Abgasskandal. Sechs Manager wurden jetzt angeklagt".

Zur Einstimmung in seinen Text beginnt Carsten Germis mit Jerry Cotton. Der Beginn passt zur Wortwahl des Skandals. Aus manchen Text-Zeilen dieser Zeitung tröpfelt hier und da die U.S.-Verachtung heraus. Jetzt werden sechs führende Leute des Wolfsburger Konzerns von gewaltigen Fangzähnen oder Fangkrallen bedroht; einer wird bereits festgehalten.  Der Abgasskandal ist ein strafrechtlich relevanter, schwerer, systematischer Betrug, der nicht nur Milliarden Buße kostet, sondern gleichzeitig die Unbarmherzigkeit (für die Folgekosten) und die Unverfrorenheit (sich im Betrug sicher zu fühlen) einer Industrie präsentiert.

Die U.S.-Jurisdikative sieht die Verantwortung für die Straftaten bei den Ingenieuren der Motoren-Entwicklung. "Die Spitze von VW in Wolfsburg", schreibt Carsten Germis, "kann damit aufatmen". Ob der Journalist auch sich oder die Kolleginnen und Kollegen seiner Redaktion meint? Mit wem sympathisiert er?

Er wird nicht aufatmen können - anders als bei uns verfolgt die U.S.-Ermittlungsbehörde ihren begründeten Verdacht weiter, bis sie ihn bestätigen kann. Das weiß auch Carsten Germis: anderenfalls hätte er nicht das Bild der Fänge benutzen müssen. Denn aus den Fängen gibt es kein Entkommen.

(Überarbeitung: 14.1.2017)